Wie politisieren die Deutschen – politische Weiterbildung in Berlin
«Die Mitte 60+ Schweiz» organisierte eine viertägige, politische Bildungsreise in die deutsche Hauptstadt Berlin. Der exzellente Lunch in der Schweizer Botschaft, der Besuch des Landtages Potsdam, aber auch eine Visite im deutschen Bundestag, waren nur einige der vielen Polit-Highlights.
ys. Peter R. Hofmann (Oberägeri), der Geschäftsführer der «Mitte 60+ Schweiz» hatte diesen Polit-Trip minutiös vorbereitet und ein Programm zusammengestellt, das sich sehen liess. Nebst politischen Inhalten hatten die Sightseeing-Themen nur noch wenig Platz. Der gewiefte Organisator aus Oberägeri erklärte dazu: «Eine politische Reise nach Berlin zu organisieren ist nicht einfach, das Angebot ist riesig und die getroffene Auswahl nur ein kleiner Abklatsch. Ich will euch den Speck so durch den Mund ziehen, damit ihr dann bald einmal wiederkommt!»
Der erste Tag wurde in der Hauptstadt des Landes Brandenburg, in Potsdam, verbracht. Hans-Peter Pohl, Vorsitzender des Senioren Landesverband Brandenburg hat die Mitte 60+ wesentlich bei der Vorbereitung dieses Besuches unterstützt. Die rund 190’000 Personen-Metropole wurde wenige Tage vor Kriegsende 1945 bei der Bombardierung total zerstört und inzwischen wieder zu einem Schmuckstück aufgebaut. Bruno Schwaibold und Steven Bretz, unterstützt von einigen Kollegen von der Senioren-Union der CDU, führten die Reisegruppe charmant und redegewandt durch den historischen Teil. Im Brandenburger Landtag erklärte Barbara Richtstein, ehemalige Ministerin des Landes Brandenburg, das Funktionieren der deutschen Landtags-Politik. Sie ergänzte, wie die 88 Abgeordneten (12 CDU-Politiker) sich durch politische Themen arbeiten und führte durch die neuen Räume im altwehrwürdigen Gebäude. Vor allem die
Gesundheitspolitikerin Ellen Fährmann (CDU), vor der Politkarriere selbst Besitzerin und Managerin von Pflege-Institutionen, brachte die Probleme in der Gesundheitspolitik treffend auf den Punkt. Niemanden erstaunte es, dass es die gleichen oder ähnliche Herausforderungen sind, wie die in der Schweiz: Finanzen, Zuständigkeiten oder Fach-kräftemangel, um nur einige zu erwähnen. Fährmanns Fazit: «Niemand will zurückstecken! Wir verpacken die jungen Fachkräfte in Watte und sind dann alle sehr erstaunt, wenn sie überfordert sind»
Ein ausgedehnter Spaziergang zum Rokoko-Schloss Sanssouci, das von Friederich dem Grossen erbaut wurde und als ehemalige Sommer-residenz der Könige von Preussen diente, liess einen Blick in die Historie von Potsdam zu. Bei einem anschliessenden Diner, in Begleitung mehrerer CDU-Landtags-Politiker, konnte der Tag in einem Roof-Top-Restaurant nochmals Revue passiert und in diversen Einzelgesprächen vertiefter in die Sachverhalte eingegangen werden.
Tunnel in die Freiheit
Der kalte Krieg und die Leiden der Bevölkerung in der geteilten Stadt Berlin waren das Hauptthema am Vormittag des zweiten Tages. Die Bernauerstrasse grenzte damals an die Mauer und war Ausgangspunkt mehrerer Tunnels zur damaligen Bundesrepublik. Bis 300 Meter lange Tunnels wurden über Monate gegraben, um aus der DDR «in die Freiheit» zu flüchten. In der zweistündigen Führung «Berlin von unten» erlebte die Reisegruppe originalgebaute Tunnel und liess sich erklären, wie diese während Monaten unter härtesten Bedingungen gegraben wurden. Einige Schicksale von gescheiterten, aber auch geglückten Versuchen liessen emotionale Momente aufkommen.
Mittagessen in der Botschaft
Das anschliessende Mittagessen in der Schweizer Botschaft war für viele der ganz grosse Höhepunkt des Berlin-Trips. Botschafterin Livia Leu verwöhnte die Schweizer Delegation mit einem exzellenten Dreigang-Menü und erklärte die Besonderheiten Berlins anhand der politischen Zusammenarbeit zwischen Deutschland und der Schweiz. Sie liess sich ausgiebig Zeit, um auch auf Fragen aus der Runde einzugehen. Mit einer derartig generösen Einladung hatte bestimmt niemand gerechnet, entsprechend gross waren die Dankesworte von Ida Glanzmann, Präsidentin der «Die Mitte 60+ Schweiz». Wie alle Referenten und Gastgeber bekam auch Botschafterin Leu eine Dose
Willisauer Ringli. Natürlich mit der Bemerkung, dass sie sich daran nicht die Zähne ausbeissen soll.
Kabarett und Politik
Berlin ohne politisches Kabarett, das darf bei einer politischen Bildungs-reise nicht fehlen. «Die Distel», ein Kabarett an der Friedrichstrasse, stach mit ihren Stacheln voll in die wunden Punkte, dass es den einen oder anderen lokalen Politiker oder Politikerin schmerzte und viele Lacher und erstaunte Gesichter hervorzauberte. Mit ihren treffsicheren Sprüchen, knalligen Protestsongs und knallharter, punktgenauer Kritik an der aktuelle Politik Deutschlands, war die zweistündige Aufführung einen Besuch wert.
Emotionale Debatte AfD gegen schwarz-rote Koalition
Ein weiteres Highlight erwartete die Schweizer Mitte-Senioren am dritten Tag: Der Besuch des Deutschen Bundestages. Das deutsche Parlament tagte unter dem Vorsitz von Präsidentin Julia Klöckner (CDU) zum Thema Sportförderung und anschliessend zum Antrag der AfD, einen Ausserordentlichen Untersuchungsausschuss zum Anschlag auf die Nord Stream Pipeline einzusetzen. Während die Sport-Debatte ruhig dahinplätscherte, gingen dann beim Antrag der AfD die Emotionen so richtig hoch. So sahen die 20 Schweizer, wie im Bundestag mit Applaus und Zwischenrufen, mit Fragen der Parlamentarier und mit rhetorisch starken Voten Politik gemacht wird. So spannend, dass die Zeit im Fluge verging. Ganz klar erkennbar: Ein frühes politisches Schaulaufen der AfD im Hinblick auf die Wahlen in drei Jahren.
Die Glaskuppel mit ihrer Spiegelkonsole, die das Tageslicht in den unter der Kuppel gelegenen Plenarsaal leitet, aber auch die atemberaubende Aussicht auf die Stadt Berlin lösten grosses Staunen aus.
Der Baden-Württemberger CDU-Bundestagsabgeordnete Felix Schreiner nahm sich Zeit, um die Schweizer Reisegruppe im Paul-Löbe-Haus zu empfangen und ihr einen Einblick in die Besonderheiten des deutschen Parlaments zu geben. Er ist selber Vorsitzender der Parlamentarischen Freundschaftsgruppe Schweiz – Deutschland und
damit Kenner der diversen Verbindungen zwischen den beiden Staaten. Dass die Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern enorm wichtig sei, bestätigte er ebenso wie den Missstand bei den Bahnverbindungen.
Gerne hätten die Schweizer Besucher und Politikerinnen sich intensiver mit dem Deutschen Spitzen-CDU-Mann ausgetauscht, aber seine volle Agenda liess nur eine gute Stunde zu.
Der ereignisreiche Tag wurde mit einem Referat in der Bundeszentrale der Politischen Bildung (bdp.de) und einem leckeren Nachtessen im Restaurant Il Punto abgeschlossen. Die bdp stellte ihr politisches Wirken, vor allem ihren Wahl-O-Mat, ein Pendant zum schweizerischen Smartvote, vor. Im italienischen Restaurant gab es wiederum gute Möglichkeiten, um mit CDU-Spitzen-Senioren-Politikern in persönlichen Austausch zu treten. So reisten unter anderen der Geschäftsführer der Senioren Union, Robin Becht, Berufspolitikerin Elisabeth Ball und Schatzmeister Dieter Braun extra zu diesem Treffen aus Nordrhein-Westfalen und Hessen an. Wirt «Pepe» erzählte einige exklusive und intime Geschichten, die er mit acht verschiedenen Bundeskanzlern in seinem Restaurant erlebt hat. Natürlich alles streng geheim….
Ein erinnerungswürdiges Treffen war der Besuch in der CDU-Haupt-zentrale und der Konrad Adenauer Stiftung am letzten Tag des Polit-Trips. Hier zeigte sich besonders, wie gross die Unterschiede zwischen den politischen Instanzen der beiden Länder liegen. Die CDU-Zentrale ist in Form eines riesigen Schiffes mit einer eindrücklichen Glasfassade gebaut. Ihr Vorteil: Hier lassen sich in Wahl-Zeiten auch politische Plakate oder Parolen einfach und wirksam anbringen, was sonst an den Berliner Hausfassaden verboten ist. Öfters ist am letzten Arbeitstag der Woche Bundeskanzler Friederich Merz in der Zentrale anzutreffen. Leider war dies an diesem Freitag nicht der Fall.
Staunen bei der Adenauer Stiftung. Diese bewohnt einen riesigen Komplex gegenüber der CDU-Zentrale und setzt im Jahr 228 Millionen Euro für politische Bildung, Unterstützung von Parteien, sowie für Analyse und Beratung ein. Das sind finanzielle Dimensionen, die das Vorstellungsvermögen von Schweizer Parteien um einiges übersteigen.
Ida Glanzmann (Altishofen), Präsidentin «Die Mitte 60+ Schweiz», bedankte sich am Schluss dieser politischen Reise bei Organisator Peter R. Hofmann und bei Robin Becht, Bundesgeschäftsführer der Senioren-Union Deutschlands, der wesentlich zum guten Gelingen dieser bildungspolitischen Reise beitrug.
Die Präsidentin Mitte 60+ Schweiz konnte ein positives Fazit ziehen: «Wir haben spannende Tage mit einem tiefen Einblick ins Innere der deutschen Politik erlebt. Dabei wurden Parallelen, aber auch deutliche Unterschiede zwischen unseren Ländern und politischen Instanzen angetroffen. Es waren vier Tage voller politischer Leidenschaft, unerwarteten Erlebnissen, interessanten Referaten und spannenden Diskussionen. Eben politische Weiterbildung vom Feinsten. »
